ANDERE Drei Monate nach seinem Amtsantritt konnte Antoine Sibierski dem RSC Anderlecht bereits seinen Stempel aufdrücken. Der französische Sportdirektor ist bekannt für seine kompromisslose Herangehensweise, seinen Blick fürs Detail und seinen enormen Arbeitseifer. Mit diesen Eigenschaften möchte er Anderlecht wieder an die Spitze der belgischen Liga führen. In Neerpede wird allmählich deutlich, wie der Franzose vorgeht.
Wer Sibierski kennt, beschreibt ihn als eine reservierte Persönlichkeit, die ihr Vertrauen erst dann schenkt, wenn man es sich wirklich verdient hat. Trotzdem gibt es aber auch eine Eigenschaft, die überall zurückkehrt: Anspruchsvollheit. Von Spielern, Mitarbeitern und sich selbst erwartet er uneingeschränktes Engagement. Diese Mentalität muss seiner Meinung nach die Basis für ein neues und erfolgreicheres Anderlecht darstellen.
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Weiter lesen Eine deutliche Struktur
Innerhalb des Vereins sind die Verantwortlichkeiten nun viel deutlicher verteilt als in den vergangenen Jahren. Präsident Michael Verschueren, CEO Kenneth Bornauw, Sportdirektor Antoine Sibierski und Trainer Vitor Bruno bilden zusammen die sportliche Führung.
Bei seinem Amtsantritt erhielt Sibierski ein sehr breites Aufgabenfeld. Er leitet nicht nur die A-Kader, sondern ist auch für die Futures, die RSCA Women sowie die Scouting- und Leistungsabteilung zuständig. Bornauw hat ihn bereits zuvor als echten Workaholic beschrieben, der jede Akte bis ins kleinste Detail vorbereitet.
Diese Gründlichkeit zeigte sich auch bei der Suche nach einem neuen Trainer. Nachdem er mehrere Gespräche mit Vitor Bruno geführt hatte, reiste Sibierski persönlich nach Lissabon, um den Portugiesen einen ganzen Tag lang bei der Arbeit zu beobachten. Erst nachdem er von dessen Vision und Arbeitsweise überzeugt war, gab er grünes Licht für eine Zusammenarbeit.
Keine halben Sachen
Wenn Sibierski an einen Spieler oder einen Trainer glaubt, setzt er sich voll und ganz für sein Ziel ein. Während seiner Zeit beim französischen Verein Troyes fuhr er sogar mal fast 900 Kilometer, um einen Spieler persönlich von seinem Projekt zu überzeugen. Später konnte der Transfer offiziell abgeschlossen werden.
Auch heute verbringt er Stunden damit, Videomaterial von potenziellen Neuzugängen zu analysieren. Regelmäßig arbeitet er bis tief in die Nacht hinein, um sich die Spieler mehrmals anzuschauen, bevor er eine Entscheidung trifft. Anschließend berät er sich mit seinen Vertrauten und sobald alle überzeugt sind, wird zügig gehandelt.
Gleichzeitig ist er bei Transfers besonders streng. Talent allein reicht nicht aus. Ein Spieler muss auch die richtige Einstellung mitbringen und sich wirklich für das Projekt entscheiden wollen. Wenn Sibierski Zweifel daran hat, wird eine Akte ohne zu zögern auf Eis gelegt.
Zuerst die Basis verstärken
Als er beim Rekordmeister anfing, hatte der Franzose eine gründliche Analyse der A-Mannschaft und der Jugendausbildung gemacht. Auf dieser Grundlage wurden Prioritäten festgelegt. Zunächst sollte die Abwehr qualitativ gestärkt werden, was zur Verpflichtung von Giulian Biancone und Léo Pétrot führte. Danach folgten unter anderem Lukas Ambros und Oliver Antman. Es wird erwartet, dass der Kader in den kommenden Wochen noch weiter verstärkt wird.
Disziplin als Fundament
Bei Troyes erhielt Sibierski viel Lob, da er wieder eine Struktur in den Verein gebracht und so den Aufstieg in die höchste Liga möglich gemacht hatte. Seine Zeit dort endete schließlich nach einem unüberbrückbaren Konflikt mit der Vereinsführung, was zugleich auch seinen ausgeprägten Charakter verdeutlicht.
Der Franzose ist als jemand bekannt, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er redet nicht um den heißen Brei herum und scheut auch keine harten Analysen. Deshalb erhielt er in Frankreich sogar den Spitznamen „Darth Vader“. Auch innerhalb von Anderlecht mussten sich alle erst an diese direkte Art der Kommunikation gewöhnen.
Ruhe hinter verschlossenen Türen
Eines von Sibierskis wichtigsten Zielen ist es, in Neerpede wieder für Stabilität zu sorgen. Er verfolgt den täglichen Betrieb des Vereins aus nächster Nähe und kümmert sich um auffallend viele Details.
Selbst die Kommunikation wird streng überwacht. Fotos, die seiner Meinung nach keinen positiven Eindruck vermitteln, werden nicht veröffentlicht. Während der Vorbereitung erhielten zudem nur die eigenen Vereinskanäle Zugang zu den Testspielen. Externe Aufmerksamkeit wird so weit wie möglich eingeschränkt, damit sich Spieler und Trainerstab voll und ganz auf das Sportliche konzentrieren können.
Dieser geschlossene Ansatz erklärt auch, warum die Transfers im Sommer nahezu ohne vorherige Infos abgeschlossen wurden. Nur eine kleine Gruppe von Personen war an den Verhandlungen beteiligt.
Ein neuer Kurs
Mit Sibierski an der Spitze setzt Anderlecht bewusst auf eine andere Arbeitsweise. Weniger Unruhe, mehr Disziplin und eine klare Hierarchie sollen den Verein wieder auf den richtigen Weg bringen. Der Franzose steht selbst selten im Rampenlicht, doch hinter den Kulissen bestimmt er immer stärker den Kurs des Rekordmeisters.
In den kommenden Jahren wird man sehen, ob diese Herangehensweise Anderlecht wieder zurück an die Spitze des belgischen Fußballs bringen kann.