"Ab und zu mit Siegen zufrieden sein? Das passt nicht zu Anderlecht"

SAMSTAG, 20 DEZEMBER 2025, 10:49 - RSCA Skater
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INTERVIEWS Vom Ersatzspieler zum Stammtorwart: Colin Coosemans (33) hat einen langen Weg hinter sich. Im Jahr 2025 wurde er zum ersten Torwart und Kapitän von Anderlecht. Mit einer Nominierung für die Auszeichnung "Torwart des Jahres" blickt er auf ein ereignisreiches, aber vor allem befreiendes Jahr zurück.

Am vergangenen Dienstag wurde in Neerpede vorübergehend nicht trainiert. Die Weihnachtspullover wurden hervorgeholt und die Spieler versammelten sich zu einem ausgiebigen Mittagessen. "Der Chefkoch hatte sich richtig ins Zeug gelegt", lachte Coosemans. "Lachstatar mit Wasabi, Wagyu als Hauptgericht und Tiramisu mit Kinder Bueno. Und ja, dazu durfte man auch ein Gläschen Wein trinken."


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Ein Jahr der Stabilität

Persönlich schaut Coosemans zufrieden auf das Jahr 2025 zurück. "Ich habe ein komplettes Jahr durchgespielt und habe konstante Leistungen zeigen können. Es herrschte viel Unruhe rund um den Verein, aber das hatte mich nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Als Torwart versucht man vor allem Ruhe auszustrahlen und der Mannschaft Punkte zu sichern."

Seiner Meinung nach war es bisher seine stärkste Saison. "Vor allem da ich bei Anderlecht spiele. Ich habe auch woanders gute Jahre erlebt, aber hier ist alles intensiver: der Druck, die Erwartungen, die Medien. Das motiviert mich sehr."

Diese Beharrlichkeit wurde belohnt, als die Fans ihn zum Spieler des Jahres wählten. "Genau deshalb habe ich weiter gekämpft. Wegzugehen wäre einfacher gewesen, aber ich wollte in diesem Trikot Erfolg haben. Es gab Momente, in denen das unerreichbar schien, aber ich habe immer daran geglaubt."

Schwierige Momente

Der Weg zu dieser Anerkennung verlief nicht ohne Narben. Coosemans spricht offen über die Zeit, als Anderlecht Kasper Schmeichel unter Vertrag nahm. "Das war ein schwerer mentaler Schlag. Kurz darauf blockierte mein Körper komplett. Nackenverspannungen, starke Schmerzen, Krankenhausaufenthalt... Das hatte mich sehr mitgenommen, auch meine Familie."

Heute hat sich das alles verändert. "Ich bin glücklicher. Die Spannung, die jahrelang herrschte, ist verschwunden. Wenn ich jetzt nach Hause komme, bin ich auch wirklich zu Hause. Früher habe ich öfter Ablenkung außerhalb des Hauses gesucht, jetzt versuche ich, mich auf das Wochenende vorzubereiten."

Ein Kapitän ohne Maske

Seit er die Kapitänsbinde trägt, hat sich sein Verhalten nicht verändert. "Unter Kompany befand ich mich auch schon in der Kapitänsgruppe. Ich sage, was ich denke, manchmal hart und manchmal weich. Das hängt vom Moment ab."

Zusammen mit Thorgan Hazard bildet er in der Kabine ein Tandem. "Wir sind total verschieden. Thorgan ist gesellig und nutzt Humor, um Spannungen abzubauen. Lucas Biglia ist mir ebenfalls eine große Hilfe, er unterstützt mich in meiner Rolle als Kapitän. Er betont, wie wichtig positives Coaching ist, insbesondere bei einer jungen Mannschaft."

Der Schlüsselmoment

Ein entscheidender Moment in dieser Saison war das Gruppengespräch ohne Trainerstab kurz vor dem Spiel gegen KV Mechelen. "Wir haben uns zunächst mit den Kapitänen zusammengesetzt und dann die ganze Gruppe hinzugezogen. Es war einen Moment lang still, aber wir haben deutlich gemacht, dass wir uns nicht davor drücken würden. Schließlich kam alles auf den Tisch. Wir waren ehrlich: Unser Niveau war bis dahin nicht gut genug für Anderlecht."

Laut Coosemans war es notwendig, einige Spieler wachzurütteln. "Nicht jeder hat sofort verstanden, was es bedeutet, für diesen Verein zu spielen. Dieses Treffen hat vieles klar gemacht. Seitdem läuft es besser."

Anderlecht ist ein Topklub

"Wer hier spielt, muss die Geschichte kennen", sagte er. "Wir akzeptieren nicht länger, dass man zufrieden ist, wenn man ab und zu gewinnt. Das überwachen die älteren Spieler und die Jungs von Neerpede."

Obwohl der Kader auf dem Papier nicht stärker ist als in der vergangenen Saison, läuft es nun besser. "Die Ergebnisse entscheiden alles. Gewinnt man, dann wächst die Mannschaft von alleine. In den vergangenen Jahren landeten wir zu oft in Krisen."

Über den Weggang von Wouter Vandenhaute wollte Coosemans nicht sehr viel sagen. "Es ist zu einfach, alles an eine Person festzumachen, aber es herrscht nun wohl mehr Ruhe. Es herrscht Vertrauen in die derzeitige Politik, und das hilft."

Vorausschau mit Vorsicht

Ob Anderlecht im Jahr 2026 eine Trophäe holt? "Wir hoffen es und werden alles dafür tun. Aber durch die kommende Transferperiode weiß man natürlich nie, was sich noch verändern wird."

Die Siege gegen Club Brügge, Union und Genk sorgten für Vertrauen. "In der vergangenen Saison hatten wir öfter Pech und jetzt ist manchmal das Glück auf unserer Seite. Dieser Unterschied befindet sich in den Details und dem Glauben."

Auch die jungen Talente können beeindrucken. "Angulo konnte bereits Spiele entscheiden und De Cat entwickelt sich schneller als erwartet. Er kann dem Spiel seinen Stempel aufdrücken."

Die Zukunft ist noch offen

Mit Nominierungen für De Cat (‘Nachwuchsspieler des Jahres') und sich selbst (‘Torwart des Jahres') bleibt Coosemans bescheiden. "Ich genieße es, aber ich rechne mit nichts. Im Fußball kann sich alles schnell verändern. Ich bin einfach stolz, dass ich die Nummer 1 und der Kapitän bin."

Über einen neuen Vertrag bleibt er vorsichtig. "Ich spüre, dass ich noch viele Jahre in mir habe. Ich habe meinen Körper schonen können. Diese Jahre würde ich gerne in Anderlecht verbringen, aber der Verein muss mir zeigen, dass sie weiter mit mir zusammenarbeiten möchten."

Quelle: © Eigene Quelle