"Erfolg kommt nicht morgen, aber wir bauen Anderlecht wieder auf"

DONNERSTAG, 1 JANUAR 2026, 21:28 - RSCA Skater
Anderlecht-Online No Image Found

INTERVIEWS Nicht jeder erhält zu Beginn des Jahres ein ausführliches Interview, aber für den neuen Präsidenten des RSC Anderlecht wird gerne eine Ausnahme gemacht. Michael Verschueren (55) spricht offen über Ambionen, Geduld und Verantwortung. "Ich bin nicht für die Symbolik hier. Das ist kein Ehrentitel."

In seinem Büro im vierten Stock des Lotto Parks, umgeben von Kunst und Vereinsgeschichte, wirkt Verschueren entspannt. Lachend tippt er auf sein Hemd und verweist auf seine "Wasserwochen": sein persönlicher Neujahrsvorsatz, bis Mitte Januar einige Kilo abzunehmen. Das charakterisiert seine Herangehensweise: diszipliniert, zielstrebig, aber ohne große Worte.


Weiter lesen unter Anzeige

Weiter lesen
Auf dem Tisch steht eine personalisierte Champagnerflasche mit der Aufschrift "The Future is Mauve". Der Slogan, den der Großaktionär Marc Coucke erfunden hat, gefällt Verschueren. "Ich glaube auch daran", sagte er. "Anderlecht bleibt der größte Verein des Landes, auch wenn wir sportlich gesehen schwierige Jahre hinter uns haben. Unsere Aufgabe ist klar: Wir müssen den Erfolg wieder mit unserer DNA in Einklang bringen."

Mehr als eine erste Mannschaft

Laut Verschueren geht dieser Slogan jedoch weiter als die Ergebnisse auf dem Spielfeld. "Anderlecht ist ein Ganzes: Fans, Sponsoren, Jugendausbildung, Familien rund um den Verein. Das ist für mich die Zukunft. Aber eine Sache ist sicher: die Siege werden entscheidend bleiben."

Er weiß jedoch auch, dass die Slogans alleine nicht reichen werden. "Wir haben in den vergangenen Jahren schon viele gehabt. Aber Spieler, die heute nach hier kommen, kennen unsere Geschichte manchmal nicht sehr gut. Wenn man sie inspirieren möchte, muss man die Geschichte wieder greifbar machen."

Keine falschen Versprechungen

Ob 2026 das Jahr der Wende wird? Verschueren bleibt vorsichtig. "Ich werde nicht sagen, dass wir noch zehn Jahre brauchen, aber ich werde auch nicht sagen, dass wir in dieser Saison den Titel holen. Was jetzt zählt? Die richtigen Grundlagen schaffen und nicht wieder alles umkrempeln."

Dazu gehört seiner Meinung nach auch eine klare sportliche Struktur, vor allem in der Jugendausbildung. "Zwischen der Akademie und der ersten Mannschaft muss es eine Linie geben. Ohne einen gemeinsamen Spielstil und eine gemeinsame Vision entstehen Brüche in der Talentförderung."

Über eine mögliche Rückkehr von Jean Kindermans bleibt er diplomatisch. "Ich habe viel Respekt vor ihm, aber er steht noch bei Antwerp unter Vertrag. Das Wichtigste ist nicht der Name, sondern der Zusammenhang."

Lektionen aus der Vergangenheit

Der offene Brief von damals, in dem er um drei Jahre bat, um erneut Meister zu werden, nennt er hinterher unglücklich formuliert. "Aber der Kern der Botschaft stimmte: der Verein saß finanziell und sportlich in einer Sackgasse. Es kostete Zeit, um den Verein zu sanieren und wieder aufzubauen."

Dass das Projekt von Vincent Kompany frühzeitig zu Ende war, bleibt für ihn eine verpasste Chance. "Wir würden heute weiterstehen. Vincent hatte eine Vision, Ahnung und Führungspersönlichkeit. Alles war anwesend."

Warum es diesmal wohl klappen muss? "Weil ich besser verstehe, was es braucht, um zu gewinnen: Stabilität, Einigkeit und Durchhaltevermögen. Das habe ich auch im Ausland gesehen. Heute herrscht wieder Ruhe innerhalb des Vereins und das ist entscheidend."

Kein Präsident, der in Transfers eingreift

Verschueren betonte, dass er sich strikt an die Führungsstruktur halten wird. "Ich werde mich nicht persönlich in Transfers einmischen. Entscheidungen werden vom Management und vom Verwaltungsrat getroffen. Und das nicht aus einer Laune heraus, sondern auf der Grundlage eines Konsenses."

Auch hinsichtlich einer möglichen Rückkehr von Romelu Lukaku dämpft der Präsident die Erwartungen. "Soweit ich weiß, steht er noch bei Neapel unter Vertrag und wird danach wahrscheinlich einen neuen Vertrag unterschreiben, entweder dort oder bei einem anderen Verein. Ich glaube nicht, dass er in den nächsten zwei Jahren nach Anderlecht zurückkehren wird."

Olivier Renard erhält von ihm eine ehrliche Chance. "Wenn er seinen Job gut macht, ist er ein guter Sportdirektor."

Über Coucke, Vandenhaute und sich selbst

Das Verhältnis zu Marc Coucke ist wieder in Ordnung. Bezüglich seines Weggangs vor einigen Jahren ist deutlich: "Ich war wütend, ja. Aber rückblickend fehlte mir damals noch ein bestimmtes Wissen. In meiner aktuellen Position bin ich besser vorbereitet."

Dass er der Sohn von der Vereinsikone Michel Verschueren ist, trägt er ohne Pathos. "Ich möchte nicht von Emotionen oder Nostalgie leben. Mach deine Arbeit und mach sie gut. Erst wenn der Verein wieder erfolgreich ist, werden diese Gefühle von selbst kommen."

Zukunft: Investoren, Stadion und der belgische Fußball

Zusätzliche Investoren sind seiner Meinung nach keine Notwendigkeit. "Ein gesunder Verein braucht das nicht unbedingt. Schauen Sie nach Club Brügge oder Union." Er hält sich die Tür für eine Multi-Club Ownership offen, aber ist ohne Eile: "Das erfordert eine gründliche strategische Analyse."

Auch die Stadionakte stellt keine Priorität dar. "Zuerst der sportliche Erfolg. Der Lotto Park ist immer noch das beste Stadion des Landes."

Abschließend weist er auf die finanziellen Unsicherheiten im belgischen Fußball hin, darunter die Fernsehrechte und steuerliche Maßnahmen. "Es steht eine schwierige Zeit bevor. Gerade deshalb müssen wir zusammenarbeiten und dürfen keine Werte zerstören."

Geduld bleibt weiterhin das Schlüsselwort. "Ob es nun zwei oder drei Jahre dauern wird, das weiß niemand. Aber eine Sache ist sicher: ich werde keinen offenen Brief mehr schreiben. Aber mit den Fans sprechen, auch wenn sie wütend sind? Das werde ich wohl tun."

Quelle: © Eigene Quelle